Michaela Polacek


Um die Zeichnungen von Michaela Polacek in ihrer ganzen Komplexität zu erfassen, kommt man um die Betrachtung der Originale nicht herum. Allzu fein ist ihre Linienführung mit Tuschefüller und Bleistift - und viel zu groß sind ihre Formate, um auf einer Wiedegabenebene wie dieser bestehen zu können. Es kann also nur Ziel sein, hier eine Idee ihrer Arbeit zu vermitteln.

Tatsächlich zeichnete Polacek zu Beginn ausschließlich auf kleineren Formaten. 2002 begann sie mit figurativen Illustrationen und Mischtechniken zu experimentieren. Ohne Rücksicht auf prätentiöse Pointen oder schlüssige Handlungsebenen entstanden zahlreiche Serien an Bildgeschichten, die sie mit ebenso verschrobenen Schachtel- und Koppelworten betitelte. 2012 veränderte sie abrupt ihre Arbeitsweise - ein Standortwechsel veranlasste Polacek, ihre Formate und grafischen Dimensionen um ein Vielfaches zu erweitern.
Polacek arbeitet mittlerweile äußerst minutiös und ihre Motive ziehen sich über große Papierflächen. An den bis zu 100 x 220 cm großen Formaten arbeitet sie täglich, 2 – 7 Wochen. Während ihre früheren Illustrationen grafisch und inhaltlich zurückhaltend sind und sie, zumindest im Ansatz, einen `angewandten´ Charakter haben, kontaminiert sie heute Figuren und Objekte, Körperteile, Architektur und Ornamentik zu freien zeichnerischen Assoziationsketten, zu aufwendigen Kompositionen von barocker Dichte und Opulenz. Der Aufbau ihrer Kompositionen erinnert zuweilen an Pestsäulen, Kartografien, an martialisches Gerät oder innerorganische Strukturen. Fast immer durchzieht Polacek ihre Zeichnungen mit „Brustbusenmadonnen“, deren Fratzen, Häupter und Hüllen wiedererkennbare Anhaltspunkte in ihren Darstellungen bietet. Polacek möchte aber, dass ihre Gestaltung so kryptisch und verschlossen bleibt, wie ein wilder Traum. Und so führt sie mit jedem Bild einen regelrechten Kampf gegen drohende künstlerische Gefälligkeiten und schnöde Harmonien.

Michaela Polacek wurde 1972 in Wien geboren und arbeitete nach einer kaufmännischen Lehre fünf Jahre als Bürokraft. Nicht sonderlich beeindruckt von ihren beruflichen Aussichten und der bürgerlichen Ernsthaftigkeit ihrer Umgebung, suchte sie nach einem Positionswechsel – sie kündigte ihre Stelle für ein Jahr und machte den Flugschein für `Einmotorige´. Nach dem beruflichen Wiedereinstieg jedoch erkrankte sie 1998 und begab sich in psychiatrische Behandlung. Hier näherte sich Polacek erstmals künstlerischen Medien. 2002 besuchte sie für einige Jahre das offene Atelier Gugging, wo ihre Arbeiten erstmals wirkliche Wertschätzung erfuhren.
Zwischenzeitlich zog sie sich wieder zurück und zeichnete zu Hause. Seit 2012 arbeitet Polacek im ATELIER 10.

Angesichts der sehr hohen Anzahl an künstlerisch tätigen Menschen jenseits akademischer Zirkel, ist auch Polaceks ungeschultes Interesse an der Zeichnerei kaum sonderbar. Nur für wenige KünstlerInnen ist die offizielle Ausbildung ein gangbarer Weg. Starke künstlerische Potentiale bleiben aber auch oftmals in einem Umfeld antrainierter Konventionen verborgen und werden erst durch Zufall oder eine biografische Zäsur sichtbar. Bemerkenswert, ungewöhnlich und in höchstem Maße erfreulich ist es daher, wenn sich KünstlerInnen wie Michaela Polacek jenseits der üblichen Referenzregeln an die Oberfläche bewegen.

Michaela Polacek nutzt die Plattform des ATELIER 10 auch für eine erstmalige ausführliche Präsentation ihrer Arbeit.